Andrea Schelbert

Herzliche Willkommen bei Andrea Schelbert

Andrea Schelbert

Journalistin

Navigation mit der rechten und linken Pfeiltaste.

„Hau weg die Scheisse!“

Share Button

Jacqueline SchweizerJacqueline Schweizer (45) hat eine gute Nachricht bekommen. Trotzdem erlebt sie Augenblicke, wo sie sich allein gelassen fühlt. Sie verrät, was sie gegen solche Krisen unternimmt und wieso sie sich die Haare abrasierte.

„Es ist nachts um halb 3 Uhr passiert. Weil mich meine Kopfhaut schon seit Tagen extrem gejuckt hat, entschied ich mich, alle Haare abzurasieren. Ich bin mitten in der Nacht  aufgewacht, weil ich mich fast blutig kratzte. So stand auf, ging in‘s Badezimmer und sah mich im Spiegel an. Ich sagte zu mir: Ein Angsthase bist du ja eh nicht. Ein schönes Gesicht braucht Platz. Hau weg die Scheisse!“ Anschliessend habe ich meine Kopfhaut mit Babyöl eingecremt. War das eine Wohltat!

„Ich fühle mich besser mit Glatze“
Ich wollte schon immer mal eine Glatze haben, auch, um zu wissen, wie ich damit aussehe. Ich bereue diesen Entscheid nicht. Ich fühle mich nun viel besser, weil ich mich nicht mehr ständig kratzen muss. Ich war gespannt, wie die Menschen darauf reagieren. Neulich im Zug von Basel nach Brunnen habe ich mein Kopftuch ausgezogen. Neben mir sass ein Paar, die Frau trug schöne, lange, blonde Haare. Das Paar hat nur kurz hin geschaut. Auch die anderen Menschen im Zug waren nicht schockiert, niemand hat getuschelt. Das zeigt mir, dass es eine grosse Rolle spielt, wie ich selber mit meinem Aussehen und meiner Krankheit umgehe. Mir scheint auch, dass ich mit Glatze eher gegrüsst werde, vielleicht, weil viele Menschen realisieren, dass ich krank bin.

Es gab eine Zeit, in der ich keine Kraft mehr besass, um weiter zu kämpfen. Ich war extrem müde und ausgelaugt. Ich kann einfach nicht mehr, sagte ich damals zu meinem Kollegen. Wie soll ich das noch jahrelang durchstehen, wenn ich jetzt schon fix und fertig bin, fragte ich ihn. Doch er erwiderte, ich solle auf die Zähne beissen und weiter kämpfen. Später durfte ich mir und meinem Körper 5 Wochen Pause gönnen. Während dieser Zeit konnte ich mich erholen. Danach setzte ich die Chemotherapie fort.

Aggressionen
Inzwischen habe ich 45 Chemotherapien hinter mir. Neulich musste ich wieder in die Röhre, damit die Ärzte sehen, wie die Medikamente Tumore und Metastasen beeinflusst haben. Ich musste einige Tage lang auf meiner Ergebnisse warten. Damit kann ich inzwischen gut umgehen. Früher hätte ich mich beinahe verrückt gemacht. Zu Beginn meiner Krankheit war ich mürrisch und aggressiv. Ich konnte wochenlang nicht mehr richtig schlafen und war schlecht gelaunt. Doch mit der Zeit realisierte ich, dass ich den Krebs sowieso nicht ganz los werde. Ich kann mich selber kaputt machen oder nicht, die Krankheit wird trotzdem bleiben. Heute bin ich viel gelassener.

Sicher gibt es Momente, wo ich mich allein fühle. Etwa, wenn meine Blutwerte schlecht sind. Dann sitze ich auf meine Sofa und denke, dass ich mutterseelenallein bin. Niemand ausser mein Kollege erkundigt sich nach mir. Kein Mensch interessiert sich für mich, ich bin schon jetzt beinahe vergessen. Auch neulich, als ich eine Facebook-Freundin an Krebs verlor, fiel ich in ein Loch. Ich fragte mich, warum immer so liebe Menschen sterben müssen? In solchen Momenten wird mir glücklicherweise bewusst, dass ich etwas unternehmen muss. Dann breche ich auf und gehe nach draussen, wo ich nicht mehr allein bin. Das tut mir gut.

Positive News
Jetzt ist klar: Die Metastasen in den Lymphdrüsen sind weg. Auch die Ableger auf der Leber sind wieder geschrumpft. Diese Resultate freuen und motivieren mich, weiter zu kämpfen. Ich bin mich gewöhnt, in der Rolle der Kämpferin zu sein. Das war schon mein ganzes Leben lang so, ob in Beziehungen oder bei der Arbeit. Ich war immer auf mich selber gestellt.

Ich will mindestens 50 Jahre alt werden. Jedes Mal, bevor ich das Spital Schwyz betrete, sage ich zu mir: Auf in den Kampf! Aufgeben kommt für mich nicht in Frage.“

Was denkst Du?

Bitte beim Thema bleiben.