Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Die Todesstrafe muss abgeschafft werden“

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Sandy Inderbitzin1Jeder Besuch im Todestrakt bedeutet eine Achterbahn der Gefühle. Das qualvolle Leben der Frauen in Gatesville/Texas mitzuerleben, ist anspruchsvoll für Geist und Psyche. Die Schwyzerin Sandy Inderbitzin weiss, wie sich die Frauen fühlen, die jahrelang in einer Todeszelle in den USA sitzen um auf ihre Hinrichtung zu warten. Und trotzdem stellt sich die 35-Jährige immer wieder dieser Herausforderung. Insgesamt sieben Mal hat sie inzwischen die Frauen in Gatesville besucht. Sie sagt: „Das sind Menschen wie Sie und ich. Man kann viel von ihnen lernen. Dass sie trotz der schlimmen Verhältnisse noch psychisch und geistig gesund sind, grenzt an ein Wunder.“

15 Jahre warten in der Todeszelle
Während in den Todeszellen der USA rund 3200 Männer sitzen, sind es in den gesamten Vereinigten Staaten nur knapp 60 Frauen. Durchschnittlich 15 Jahre warten die verurteilten Frauen in der Todeszelle, bis sie schliesslich hingerichtet werden. Aktuell befinden sich 6 Frauen, alle zwischen 40 und 50 Jahre alt, in Gatesville. Sandy Inderbitzin bedeutet für die Frauen im Todestrakt ein Fenster zur restlichen Welt. Dank der Schweizer Organisation Lifespark – Lebensfunke – ist die Schwyzerin auf die Frauen aufmerksam geworden. Diese vermittelt Brieffreundschaften mit zum Tode verurteilten Häftlingen in den USA. Die Informatikerin schreibt ihnen regelmässig Briefe und überweist ihnen auch Geld, damit sie sich Essen oder Briefmarken kaufen können. So lernte sie 2012 auch die 42-jährige Amerikanerin Iris* kennen, die 1998 zum Tode verurteilt wurde. Iris hatte 1997 im Drogenrausch einen 84-jährigen Mann umgebracht. Die Amerikanerin sagt, dass es Notwehr gewesen sei, weil der Mann sie angegriffen hatte.

„Hunde haben es besser als sie“
Sandy Inderbitzin hat sich schon als Primarschülerin für die Todesstrafe interessiert. Ihr erster Vortrag in der Primarschule handelte von diesem Thema. „Mit Ungerechtigkeit hatte ich schon immer grosse Mühe. Es ist menschenunwürdig, wie sie gehalten und behandelt werden. Selbst Hunde haben es besser als sie“, berichtet die 35-Jährige. Das Essen beispielsweise sei eine Zumutung und bestehe ausschliesslich aus Junk-Food. Früchte und Gemüse würden nie auf dem Speiseplan stehen. An Thanksgiving und Weihnachten aber würden sie wie Fürsten bekocht: „Sie bekommen dann beispielsweise 9 Desserts. Das ist absoluter Schwachsinn, weil niemand 9 Desserts auf‘s Mal essen kann!“

Nicht nur die Ernährung, sondern auch das Ausharren in den Zellen macht den Frauen zu schaffen. Laut Sandy Inderbitzin lebt jede der 6 Todeskandidatinnen in einer Zelle, die nur zweimal 3 Quadratmeter gross ist. „Wenn die Heizung nicht funktioniert, kann es bis zu 10 Grad minus werden. Ab und zu tropft gar Wasser in die Zellen, weil das Dach des Gefängnisses beschädigt ist“, erzählt die Schwyzerin. Immer wieder würden so genannte „Lockdowns“ ausgerufen. Dann müssten die Frauen manchmal während 3 Tagen oder sogar eine ganze Woche lang in der Zelle bleiben, während ihr kleines Zuhause von oben bis unten durchsucht wird. Während der Durchsuchung verschiebt man die Frauen. „Führt man sie zurück, finden sie in ihrer Zelle ein riesiges Chaos vor. Auch wertvolle Gegenständige sind nach der Durchsuchung teilweise verschwunden.“

„Dann fühle ich mich hilflos“
Hinrichtungen sind für Sandy Inderbitzin besonders schlimme Momente. Inzwischen wurden schon mehre Menschen, die sie persönlich kannte, vom amerikanischen Staat exekutiert. „Du kämpfst und am Ende bringt alles nichts. In solchen Momenten fühle ich mich hilflos. Dann verliere ich manchmal die Hoffnung. Darum verzichte ich darauf, die Hinrichtungen mitzuverfolgen“, erklärt sie. Trotzdem ist es allen Menschen möglich, sich online über eine Hinrichtung in den USA zu informieren. Für Todeskandidaten gilt in den USA weder Privatsphäre noch Datenschutz. Jedermann soll wissen, was sie verbrochen haben. Nach der Hinrichtung veröffentlichen die Justizbehörden ihre letzten Worte, die Henkersmahlzeit, ob der Gefangene ein- oder zweimal röchelte und wie lange dauerte, bis sein Herz stillstand.

Tod durch Giftspritze
Warum aber setzt sich Sandy Inderbitzin für Frauen in den Todeszellen ein? „Weil ich ihnen eine Stimme geben will. Die Todesstrafe muss abgeschafft werden. Ich hoffe, dass der amerikanische Staat eines Tages einsehen wird, wie viel Unheil sie damit anrichten. Auch Täter haben Familien und Freunde, die zusehen müssen, wie ihre Liebsten mit der Giftspritze getötet werden. Die Todesstrafe ist barbarisch und führt nur noch zu mehr Leid“, antwortet sie. Man müsse Hinrichtungen wieder vermehrt thematisieren und die Bevölkerung darüber aufklären, was in den USA und auch in anderen Ländern passiere. Auch wenn sie oft frustrierende und deprimierende Momente erlebe, werde sie nicht aufgeben: „Ich werde das durchstehen. Die Tatsache, dass Nebraska kürzlich die Todesstrafe abschaffte, macht mir Mut, weiter zu kämpfen.“

*Der Name wurde zum Schutz der Inhaftierten geändert.

Hinweis: Weitere Informationen zu Lifespark unter www.lifespark.org.

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