Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Allah weiss, was ich möchte“

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Tamim Al AnzawiTamim Al Anzawi (40) und Rima Mostafa (33) sind liberale Muslime. Sie ärgern sich über Terroristen, die unter dem Deckmantel Religion unschuldige Menschen töten.

„Der Anschlag auf Charlie Hebdo in Paris schadet dem gesamten Islam und seinen Gläubigen. Die Terroristen haben ein sehr schlechtes Bild von uns Muslimen abgegeben. Das macht uns traurig und wütend“, sagt Tamim Al Anzawi. Der 40-jährige Flüchtling lebt mit seiner Frau Rima Mostafa und den zwei Töchtern Ghazal und Leen in Unteriberg. Der Syrer betont, dass er und seine Frau liberale und weltoffenen Muslime seien. „Nicht alle Muslime sind gleich. Menschen, die solche grausamen Taten wie in Paris verüben, sind für mich keine richtigen Muslime. Sie haben kein gutes Herz. Denn auch im Islam ist verankert, dass man nicht töten soll“, sagt der Bauingenieur und Architekt. Viele der Muslime fühlten sich nach diesem Attentat unwohl und seien ängstlich. Seine Frau Rima getraut sich nicht, die Moschee in Zürich zu besuchen. „Als Asylsuchende werden wir in der Schweiz besonders beobachtet. Wenn wir in einer Moschee gesehen werden, kann dies zu Problemen führen. Wir möchten hier in der Schweiz jedoch ein ruhiges Leben führen und keine Schwierigkeiten haben“, sagt die 33-jährige Syrerin.

In Abu Dhabi gearbeitet
Tamim Al Anzawi wurde 1998 nach seinem Studium an der Universität in Damaskus ein Job in Abu Dhabi angeboten. Der Syrer nutzte diese Chance und reiste in die Vereinigten Arabischen Emiraten.  Dort lernte er seine Frau Rima kennen. 2013 wurde sein Arbeitsvertrag beendet, sodass seine Familie die Vereinigten Arabischen Emirate verlassen musste. Nach Syrien zurückkehren konnte sie wegen des Bürgerkriegs nicht. Die vierköpfige Familie flog darum am 20. Juli 2013 nach Genf um in der Schweiz Asyl zu beantragen. Mitte August 2013 wurde sie zum Durchgangszentrum Degenbalm in Morschach transferiert. Seit Januar 2014 lebt die syrische Familie in Unteriberg. Die ältere der zwei Töchter wurde eingeschult, die jüngere besucht den Kindergarten.

Der Glaube ist Rima Mostafa enorm wichtig. „Ich lege Wert darauf, ein reines Herz zu haben und so zu leben, dass ich niemandem schade. Gott hat uns erschaffen, damit wir in unserem Leben beten und Gutes bewirken“, ist sie überzeugt. Auch ihr Mann Tamim gibt sich Mühe, ein ehrliches, aufrichtiges Leben zu führen. Dazu gehört für ihn auch, gewissenhaft und effizient zu arbeiten. „Im Islam ist die Arbeit wie Beten. Wenn wir gut arbeiten, dann wissen wir auch, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ Die Familie liest jeden Tag im Koran. „Vieles, was im Koran steht, habe ich in meinem Herzen gespeichert. Alles kann ich aber natürlich nicht auswendig lernen“, meint die 33-Jährige lachend.

Umgang mit Kopfbedeckung
Manchmal aber sorgt die Religion bei der syrischen Familie für schwierige Situationen. Erst kürzlich wurde Rima Mostafa von einer älteren Frau am Bahnhof in Einsiedeln angesprochen. „Sie sagte zu mir, dass ich schuld am Anschlag in Paris sei. Das hat mich sehr verletzt. Solche Begegnungen machen mir Kummer. Ich würde den Menschen gern erklären, dass der Islam diese schrecklichen Taten verurteilt.“ Weil sie wegen ihres Glaubens eine Kopfbedeckung trage, falle sie in der Schweiz auf. „Ich habe gespürt, dass die Leute im Bus nicht neben mir sitzen wollen. Das macht mich traurig.“ Ihre 9-jährige Tochter Ghazal habe sie in letzter Zeit vermehrt gefragt, wann sie ein Kopftuch tragen müsse. „Sie wollte sich statt des Kopftuchs lieber eine Perücke aufsetzen. Solche Situationen sind schwierig für mich, weil ich nicht möchte, dass meine Kinder einmal die gleichen Problem haben werden wie ich.“ Die Syrierin erzählt, dass sie ihre Kopfbedeckung im Durchgangszentrum Degenbalm in Morschach einige Monate lang nicht getragen hatte. „Ich habe mich dabei nicht gut gefühlt. Ich hatte den Eindruck, auf dem falschen Weg zu sein. Auch meine Familie in Abu Dhabi hat dies gestört.“

In Syrien freuen sich die Mädchen auf den Tag, an dem sie ihr Kopftuch und die Bekleidung zum ersten Mal tragen dürften. „Hier in Europa ist das anders. Ich würde meine Kopfbedeckung gerne ausziehen, weil ich in meinem Herzen spüre, dass sie nicht nötig ist. Ich glaube, dass Allah weiss, was ich möchte. Ich denke ständig darüber nach“, gesteht die 33-Jährige. Ihr Mann Tamim sagt, dass der Islam inzwischen 1400 Jahre alt sei und einige Gesetze und Regeln der heutigen Gesellschaft nicht mehr entsprechen würden. „Das Leben ändert sich. Doch wir müssen nicht stur am Alten festhalten und dürfen auch Sachen hinterfragen.“ Jedes Land habe eine andere Kultur. „Heute in Europa mit einem Kopftuch zu leben, macht das Leben schwierig und kompliziert. Für mich ist viel wichtiger, dass ich andere Menschen respektvoll behandle.“ Tamim Al Anzawi und Rima Mostafa haben sich darum entschieden, bei ihren 2 Töchtern auf das Kopftuch und die Bekleidung zu verzichten. „Wir werden es ihnen erklären und hoffen, dass uns Allah verzeihen wird.“

Auch bei anderen Themen sind die Muslime offen. Dass der Urner Pfarrer Werner Bucheli ein lesbisches Paar gesegnet hat, findet Tamim Al Anzawi unbedenklich. „Ich bin dafür, dass wir diese Freiheit allen Menschen zugestehen. Jeder soll so leben, wie es für ihn stimmt.“ Seine Frau Rima verrät jedoch, dass Muslime in der Regel grosse Angst davor haben, dass jemand in der Familie homosexuell sei. „Für uns ist das das sehr schwierig zu akzeptieren. Wir müssten befürchten, dass dieser Mensch getötet wird.“

Serie „Im Namen Gottes“
In der Schweiz herrscht Religionsfreiheit. Jede Person hat das Recht, ihre Religion und ihre weltanschauliche Überzeugung frei zu wählen und allein oder in der Gemeinschaft mit anderen zu bekennen. Welchen Stellenwert hat die Religion im Leben der Schwyzerinnen und Schwyzer? Wie erleben oder spüren sie Gott? In der  Serie „Im Namen Gottes“ werden Menschen verschiedener Glaubensrichtungen vorgestellt.

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