Andrea Schelbert

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Journalistin

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Nach Suizid: „Warum hast du uns das an getan?“

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VaranoNiemand wusste, wie schlecht es Simon Varano wirklich ging. Der 21-jährige Luzerner entschloss sich, seinem Leben ein Ende zu setzen. Sein Suizid löste bei Familie und Freunden Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit aus.  Die Eltern Monica und Mario Varano erzählen, wie sie trotz des schlimmen Schicksals zurück ins Leben gefunden haben.

Den Ausstieg aus der Drogenszene hatte er aus eigener Kraft geschafft. Doch über den Liebeskummer kam er nicht hinweg. „Ohne dich ist mein Leben nichts wert“, hatte er seiner Ex-Freundin in einem SMS geschrieben. Die Trennung machte dem sensiblen, introvertierte Mann zu schaffen. Niemand ahnte, wie es in Simons Innern wirklich aussah. Der 21-jährige Luzerner traute sich weder seinen Freunden noch seiner Familie an. Der hilfsbereite, liebevolle und schüchterne Mann blieb mit seinem Kummer allein. Und er suchte nach einem schnellen Ausweg um seinem Leid zu entkommen.

„Ich hätte ihn gern aufgehalten. Am Abend vor seinem Tod führten wir ein Gespräch. Wir beide weinten. Ich sagte zu ihm, dass andere Mütter auch schöne Töchter hätten. Und dass wir seine Probleme gemeinsam mit unserer Familie lösen würden. Doch meine Worte haben anscheinend nichts genützt.“ Monica Varano (59) hält für einen Moment inne. Die selbständige Betagtenbetreuerin und ihr Mann Mario, der 61-jährige Gastroarbeiter, sitzen in ihrem Wohnzimmer in Küssnacht. 11 Jahre liegt der Suizid ihres Sohnes zurück. Und doch tauchen an diesem Nachmittag wieder Gefühle und Tränen auf.

„Es ist etwas mit Simon passiert“
Es war Palmsonntag im Jahr 2004. Monica und Mario Varano wohnten damals in Luzern. Sie wollten am Nachmittag zusammen mit ihren Söhnen Simon (21) und David (15) spazieren gehen. Simon lag noch in seinem Bett. Die Mutter versuchte ihn zum Spazieren zu motivieren. Der Vater sagte, sie solle ihn besser schlafen lassen, er sei um 4 Uhr früh noch wach gewesen. Und so blieb Simon in der Wohnung in Luzern zurück, während Eltern und Bruder zum Gütschwald und weiter bis fast nach Kriens liefen. „Wir wollten eigentlich noch weiter spazieren, doch David sagte, wir müssten jetzt heim.“ David war der Erste, der daheim in Luzern das Zimmer von Simon betrat. Er eilte zu seinen Eltern ins Treppenhaus und sagte: „Es ist etwas mit Simon passiert.“ Sein Bruder hatte sich mit einer Waffe erschossen.

Schock. Unfassbarkeit. Hilflosigkeit. Ohnmacht. Familie Varano befand sich in einem Ausnahmezustand. Diese Momente noch einmal in ihrer Erinnerung aufleben zu lassen, ist alles andere als einfach. Der Vater weint, während die Mutter erklärt: „Wenn ich davon erzähle, ist es, als wäre es gerade eben passiert. Es geht mir extrem nahe. Ich weiss nicht, wie wir diesen Tag durchgestanden haben. Ich erinnere mich nur noch an Einzelheiten.“ Tränen kullern über ihre Wangen.

Der Abschied
Die Polizei, der Kantonsarzt und das Care-Team seien gekommen, ihren Sohn David hätten sie vorübergehend zu ihren Nachbarn gebracht. „Meine Emotionen waren sehr intensiv, doch innerlich konnte ich das gar nicht wirklich aufnehmen.“ Sie habe die Anwesenden gebeten, das Zimmer von Simon kurz zu verlassen, damit sie für einen Moment mit ihm allein sein dürfe. „Ich wusste, dass dies der Abschied war.“

Simon hatte seinen Selbstmord geplant. Er hatte die Waffe, die er bei seinem Artillerieverein ausgeliehen hatte, zusammen mit der Munition nach Hause genommen. Auf seinem Computer hinterliess er ein Schreiben mit einer Verfügung, was mit seinem Hab und Gut passieren sollte. „Das Schlimmste war, dass er schrieb, er wünsche sich keine grosse Abschiedszeremonie, weil er dies nicht wert sei. Das hat mich sehr traurig gemacht“, sagt Monica Varano. Sie ist überzeugt, dass Simon ein grossartiger Schauspieler war. „Er zeigte niemandem, wie er sich fühlte. Auch dem Jugendpsychologen und seinen Freunden hatte er nichts erzählt.“

„Ich war wütend und haderte mit Gott“
Für Familie Varano folgten schlimme Monate. Alles war anders. „Zuerst ging es vor allem darum, zu überleben. Ich lag oft im Bett und hatte den Wunsch, dass mich mein Sohn und mein Vater holen kommen“, erzählt die 59-Jährige. „Ich mag nicht mehr, ich möchte auch bei euch sein“, dachte sie sich damals. Und die Fragen „Warum hast du uns das bloss angetan?“ und „Warum hast du nicht mit uns gesprochen?“ quälten die Eltern. „Ich war wütend und haderte auch mit Gott. Damals befanden wir uns wie in einem Vakuum. Wir haben uns zurückgezogen. Ich ging spät am Abend einkaufen, damit mich möglichst wenige Menschen sahen. Man vegetiert eigentlich vor sich hin“, erinnert sich die Mutter von Simon. Die schlimmen Bilder des Suizids verfolgten sie und tauchten immer wieder auf: „Das passierte plötzlich und heftig. Es waren Schrecksekunden, die mir fast den Atem raubten. Ich fühlte mich dann sehr schlecht.“

Angst um zweiten Sohn
Monica Varano hatte zudem grosse Angst um ihren zweiten Sohn David. „Man muss das Vertrauen in sein zweites Kind wieder finden. Das ist nicht selbstverständlich“, weiss sie. Sie habe David in den ersten Wochen kaum allein gelassen, bis dieser eines Tages zu ihr sagte: „Mami, du musst Dir keine Sorgen machen. So etwas Blödes mache ich nicht.“ Monica Varano suchte zu dieser Zeit Hilfe bei einem Psychiater. Doch dieser konnte ihr nicht helfen: „Diese Gespräche haben mir nichts gebracht. Für mich war es so, als ob ich mit jemandem reden würde, der keine Ahnung davon hat, was ich durchmache.“

Erst bei der Selbsthilfegruppe Regenbogen in Zürich bekam die Luzernerin Unterstützung. „Ich spürte, dass diese Menschen wissen, wovon ich spreche. Ihnen war klar, dass ich nie wieder die Frau sei würde, die ich vor Simons Tod war.“ Bei den ersten Treffen hörte sie vor allem den anderen Eltern zu, später getraute sie sich, ihre eigene Geschichte zu erzählen. „Ich stellte bei einem Treffen fest, dass auch gelacht wird. Da verstand ich, dass ich nicht immer traurig sein musste, sondern wieder fröhlich sein durfte. In dem Moment, wo man zum ersten Mal wieder lacht, erschrickt man, weil es so ungewöhnlich ist. Doch natürlich gehört das Lachen zu Leben.“

„Höhen und Tiefen erlebt“
Auch die Partnerschaft wurde auf die Probe gestellt. Während Monica Varano viel grübelte, stürzte sich ihr Mann Mario in die Arbeit: „Ich fragte mich immer wieder, warum ich nicht bemerkte, was mein Sohn wirklich brauchte. Das beschäftigte mich sehr lange. Doch ich kam zu Einsicht, dass man jemanden, der diesen Entscheid getroffen hat, nicht mehr aufhalten kann. Man muss damit leben können“, erklärt er. Und seine Frau erwidert: „Wir haben zusammen Höhen und Tiefen erlebt. Wir liessen einander Zeit. Das Schöne ist, dass wir wieder viel besser miteinander reden können.“ Geld, Erfolg und Status zählen für Varanos nicht mehr. „Unser Leben hat eine ganz andere Bedeutung gewonnen. Uns ist vor allem wichtig, was hier drinnen ist“, sagt die Luzernerin und zeigt mit ihrer Hand auf ihre Brust. „Alles andere werden wir nach dem Tod nicht mitnehmen können.“

Monica und Mario Varano haben trotz des tragischen Schicksals wieder zurück ins Leben gefunden. Sie wissen, dass sie sich keine Vorwürfe machen müssen. „Wir haben unser Bestes gegeben. Doch Simon hat einen anderen Weg gewählt“, sagen sie. Klar ist: Ihr Sohn wird immer einen Platz in ihrem Leben haben. „Wichtig ist, dass man Simon und all die anderen verstorbene Kinder nicht vergisst. Es wäre schön, wenn auch unsere Verwandte und Freunde manchmal wieder seinen Namen nennen würden. Denn wir werden Simon nie vergessen.“

Hinweis: Monica Varano gründete 2006 in Luzern eine Selbsthilfegruppe für Eltern, die ihr Kind durch Suizid verloren haben. Weitere Informationen zur Selbsthilfegruppe Regenbogen unter www.verein-regenbogen.ch

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