Andrea Schelbert

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Journalistin

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Flucht in ein neues Leben

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Tsering Dorjee„In Tibet gibt es keinen Frieden und keine Freiheit mehr“, sagt Tsering Dorjee. Er schildert seine riskante Flucht und verrät seinen grössten Traum. 

Flucht über die Berge. Schwer begehbare Wege. Kälte. Schnee. Und die grosse Angst, von den chinesischen Grenzbeamten erwischt zu werden: Um Nepal zu erreichen, begeben sich viele tibetische Flüchtlinge auf eine gefährliche Reise. Auch Tsering Dorjee aus Muotathal hat diese Risiken auf sich genommen – vor rund zwei Jahren war das, 2013. Für den 28-jährigen Tibeter war es in seiner Heimat zu gefährlich geworden. Der Sohn eines Bauern und Nomaden wurde vom chinesischen Regime festgenommen und in einem Haus für einige Stunden gefangen halten. «Freunde von mir rieten mir, sofort zu verschwinden. Sie sagten, dass mein Leben vorbei sein werde, wenn ich bleibe. Man würde mich entweder umbringen oder für viele Jahre in ein Gefängnis stecken», erzählt der gläubige Buddhist.

Blutige Konflikte
Tsering Dorjee ist zusammen mit einer Schwester und zwei Halbbrüdern in einem tibetischen Tal, 2 Stunden Autofahrt von Tibets Hauptstadt Lhasa entfernt, aufgewachsen. Er war erst 5 Jahre alt, als seine Mutter starb. „Ich ging nur 3 Jahre lang zur Schule. Danach wollte mein Vater, dass ich ihm bei der Arbeit mit den Tieren helfe“, erklärt er. Das Leben im Tal mit rund 300 Bewohnern sei früher einfach und sehr schön gewesen. Doch mit der Besetzung Chinas sei alles anders geworden: „Die Chinesen zerstörten Land und Bäume. Sie gingen dabei ohne Rücksicht auf die Natur vor. Das führte zu Insektenplagen, sodass Pflanzen und Gemüse nicht mehr wachsen konnten.“

Der 28-Jährige berichtet, dass er erst vor sieben Jahren erfuhr, dass Tibet vor 1950 frei und unabhängig war. 2008 seien bei einem Aufstand 100 Tibeter von den Chinesen getötet worden. Er habe einen Freund gefragt, was passiert sei. «Ich konnte es einfach nicht glauben! Das hatte man uns nirgendwo, auch nicht in der Schule, erzählt. Ich begann zu realisieren, was das für mich und mein Land bedeutete. Es machte mich traurig.»

Als Anführer verhaftet
2009 halfen er und seine Freunde, Häuser zu bauen und neue Wege in den Bergen zu erschliessen. Mehrere Monate lang im Jahr seien sie für Chinas Regierung tätig gewesen. «Man versprach uns, dass wir bezahlt werden. Doch wir bekamen keinen Lohn. Darum beschwerten wir uns gemeinsam bei der chinesischen Regierung.» Eine Gruppe von 17 Personen seien sie gewesen. Weil seine Freunde Angst um ihre Kinder und Familien hatten, übernahm er die Rolle des Anführers. «Ich sagte, dass es nicht in Ordnung sei, wie sie mit uns umgehen. Ich sprach von unseren Menschenrechten. Die Chinesen erwiderten, wir würden die Regierung Chinas bestehlen.» Die Situation war angespannt. Und die Antwort von Tsering Dorjee brachte das Fass zum Überlaufen: «Ich bin Tibeter und nicht Chinese. Ich will ein freies Tibet», forderte dieser. Danach wurde er verhaftet.

Er hatte Glück, dass er fliehen konnte. «Ich hätte mich gern von meiner Familie verabschiedet, doch das war zu riskant», erzählt er. Unterstützung habe er von einem Onkel in Lhasa bekommen. Dieser engagierte einen Mittelsmann, der ihm bei der Überquerung des Himalajas und bei der Beschaffung der Ausreisedokumente und Flugtickets helfen sollte. «Wir Tibeter besitzen keinen Pass oder Identitätskarte. China kontrolliert alles. Es gibt in unserem Land keinen Frieden und keine Freiheit mehr.»

In Höhlen geschlafen
Die zweiwöchige Flucht war sehr beschwerlich und äusserst riskant. «Wir verliefen uns immer wieder. Wir wateten bauchtief im Schnee und durchquerten wilde Bäche. Wir hatten weder Kleider zum Wechseln noch warme Decken. Es war sehr hart.» Um von der chinesischen Grenzpolizei nicht erwischt zu werden, schliefen die zwei Männer tagsüber in Höhlen und marschierten nachts durch die dunkle, schwarze Nacht. «Viele Menschen sterben auf diesem Weg. Und ich dachte selber daran, dass ich es möglicherweise nicht schaffen würde. Vielleicht werde ich auf dem Weg oder in den Händen der Chinesen sterben», seien damals seine Gedanken gewesen.

Weg in die Freiheit
Doch Tsering Dorjee erreichte nach 15 Tagen Nepal. Und obwohl ihm dort gesagt wurde, dass er nun frei sei, fühlte er sich nach wie vor gefangen. «Erst nach 3 Tagen realisierte ich, dass ich den Weg in die Freiheit geschafft hatte. Ich hatte grosses Glück.» Über sechs Monate lang lebte er bei einem Freund in Nepal und wartete auf seinen Pass und Flugtickets. Im Juni 2014 flog er über Thailand nach Zürich. Seit November lebt der Tibeter in Muotathal und besucht den Gastrokurs für Asylsuchende in Schwyz. «Ich bin in der Schweiz sehr glücklich. Ich möchte als Koch arbeiten», sagt der 28-Jährige. Aus Angst vor Konsequenzen für seine Familie hat sich Tsering Dorjee nie mehr bei seinen Liebsten gemeldet. «Es ist mein grösster Wunsch, meine Familie eines Tages wiederzusehen.»

 

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