Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Wir hatten ständig Angst“

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Aydin Akinci*Erfolgreich integriert: Aydin Akinci, 52, Allrounder, Ibach

30 Jahre nach der Flucht kehrte der Aramäer Aydin Akinci (52) mit seiner Familie in die Heimat zurück. Die Reise wurde zu einer Achterbahn der Gefühle.

„Ich war aufgewühlt und fühlte mich leer. Ich bin mir wie in einem falschen Film vorgekommen.“ Aydin Akinci atmet tief durch. Er kriegt jedes Mal Gänsehaut, wenn er an diesen Tag zurückdenkt. 2002 kehrte der gebürtige Aramäer in sein Heimatdorf Marbobo in der heutigen Süd-Türkei zurück. Nur seinen Kindern zuliebe machte er diese Reise in die Vergangenheit. Denn er, der gläubige Christ, hatte in der Schweiz eine neue Heimat gefunden. 1972 floh seine Familie von Mesopotamien in die Schweiz. Aydin Akinci war damals 10 Jahre alt. „Es war kein Aushalten mehr. Wir hatten ständig Angst. Wir mussten heimlich beten, weil Christen nicht mehr geduldet wurden“, erinnert sich der 52-Jährige. Auch in der Schule bekamen er und seine 8 Geschwister den Hass und die Diskriminierung hautnah zu spüren. „Wenn ich eine Frage des Lehrer nicht beantworten konnte, durfte mich ein anderes Kind mit dem Stock hauen.“ Fast jeden Morgen musste der junge Aramäer auch die brachiale Gewalt des Lehrers über sich ergehen lassen.

„Alles war zerstört“
„Ich habe die Vergangenheit bewusst verdrängt, ich wollte mich nicht mehr damit auseinandersetzen. Doch meine zwei Töchter und mein Sohn waren hartnäckig, sie wollten wissen, woher wir kommen.“ Schliesslich, 30 Jahre nach der Flucht, gab der Vater nach. Die Reise sollte aber eine Achterbahn der Gefühle werden. Das Gebiet war gesperrt und wurde von Kurden belagert. Eine militärische Bewilligung war nötig, damit die Familie nach Marbobo reisen durfte. Als Aydin Akinci endlich sein Dorf erreichte, glaubte er seinen Augen nicht zu trauen: „Alles war zerstört. Den Häusern fehlten Fenster und Türen, der Eingang zur Kirche war zubetoniert. Unser Haus stand noch, doch im Innern war alles zerstört. Ich wollte das nicht sehen. Doch für meine Kinder war es wichtig, weil sie verstanden haben, dass das, was wir ihnen erzählten, stimmt.“

Diese Konfrontation mit der Vergangenheit hatte Konsequenzen: „Insgeheim hatte ich immer daran geglaubt, dass meine frühere Heimat noch existierte. Doch nach dieser Reise habe ich dieses Kapitel endgültig abgeschlossen. Es war, als ob sich ein Buch für immer schliessen würde“, so Akinci. Als er und seine Familie zurück nach Schwyz reisten, blickte er zu den Mythen hoch und dachte: „Gott sei Dank, hier habe ich ein sicheres Daheim.“

„Heile Welt“
Aydin Akinci sitzt in einem Büro der Schwyzer Victorinox und erzählt seine spannende Lebensgeschichte. Hier ist er seit 35 Jahren als Allrounder tätig, und hier in Ibach durfte er auch in der Schule Kind sein. Lernen, lachen, spielen, für den Schüler folgte eine wunderbare Zeit. „Am Anfang war es für mich wie eine heile Welt. Ich habe zuerst nicht realisiert, was da vor sich ging. Die Lehrer waren so hilfsbereit und freundlich. Keiner hat mich angebrüllt oder blossgestellt. Wenn sie mich fragten, ob sie mir helfen könnten, zuckte ich manchmal zusammen, weil ich meinte, dass sie mich schlagen würden“, erzählt der 52-Jährige. Endlich habe er keine Angst mehr haben müssen. „Ich konnte mich in der Schweiz entfalten und mich frei bewegen. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Sicher ist: Aydin Akinci hat seinen Platz im Leben gefunden. „Ich bin sehr glücklich, Schweizer zu sein“, sagt er. Er habe Kaffee Zwetschge und Bratwurst genauso gerne wie andere Schweizer auch, meint er lachend. In diesem Land fühle er sich wohl, er schätze die Sicherheit und Demokratie sowie das frische Wasser und die gesunde Nahrung. „Ich versuche aus Nächstenliebe zu handeln. Denn ich glaube daran, dass in jedem Menschen etwas Gutes steckt. Doch ich frage mich, was Liebe heute für die Gesellschaft bedeutet. Manchmal habe ich den Eindruck, es sei nur noch ein leeres Wort. Dass man heute etwas wirklich aus dem Herzen, aus Liebe macht, wird immer seltener. Das beunruhigt mich.“

*Serie Erfolgreich integriert

Integration schafft kleine Schritte in Richtung Chancengleichheit. Auch im Kanton Schwyz gibt es zahlreiche Beispiele, die zeigen, dass Integration gelungen ist. Der „Bote der Urschweiz“ stellt darum in seiner Serie „Erfolgreich integriert“ Menschen verschiedener Nationalitäten und Kulturen vor, die eingebürgert wurden. Sie erzählen, was sie dazu bewogen hat, ihre Heimat zu verlassen, und wie sie sich in der Schweiz fühlen.

Aydin Akinici wurde 1985 eingebürgert. „Ich habe mich immer als Schweizer gefühlt, für mich existierten keine Unterschiede zwischen Schweizern, Menschen anderer Nationalitäten und mir. Vielleicht war ich etwas naiv“, sagt der gebürtige Aramäer heute. Denn er sei von seinem Abstimmungsergebnis enttäuscht gewesen. Die Schwyzer Stimmbürger gaben seinem Kollegen, einem Italiener, rund 1500 Stimmen mehr. „Da habe ich zum ersten Mal realisiert, dass ich aus Sicht der Schweizer wohl doch anders bin. Ich war aber auch erleichtert und stolz nach der Einbürgerung. Es war ein schönes Gefühl zu wissen, dass ich nun dazugehöre.“

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