Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Ich muss nicht wie eine biologische Frau sein“

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Nadia Brönimann2Serie Begegnungen: Nadia Brönimann, 45, Transsexuelle, Einsiedeln

Ich habe mein Leben bewusst entschleunigt. Ich muss nicht mehr überall an vorderster Front sein und bin trotzdem glücklich. Im Moment erlebe ich starke innere Prozesse», sagt Nadia Brönimann. Sie sitzt in ihrer Wohnung in Einsiedeln und schwärmt vom feinen Dessert, das sie während des Gesprächs geniesst. Dass das Leben auch bittere Momente und Enttäuschungen beinhaltet, musste die Transsexuelle mehrmals erfahren. Drogenprobleme, ein Suizidversuch und Komplikationen nach der Geschlechtsanpassung sorgten für schwierige Zeiten in ihrem Leben. Doch trotz dieser turbulenten Vergangenheit hat Nadia Brönimann zu einer inneren Kraft gefunden, die ihr wieder festen Boden unter den Füssen gibt. «Mein Leben hat sich eine ganz neue Richtung entwickelt. Ich bin ruhiger und zufrie- dener geworden», erklärt sie.

«Das Promi-Leben hat mich isoliert»
Durch ihren offenen Umgang mit der Geschlechtsanpassung wurde Nadia Brönimann in der Schweiz berühmt. In ihren Büchern «Die weisse Feder» und «Seelentanz» schildert sie ihren ganz persönlichen Lebensweg. Zahlreiche Boulevard-Zeitungen und Promi-Magazine interessierten sich in den folgenden Jahren für die Höhen und Tiefen der Transsexuellen. «Das alles hat mir letztlich nicht gut getan. Es war von allem zu viel. Dieses Promi- Leben hat mich in vielem isoliert», weiss Brönimann heute. Inzwischen habe sie eine gesunde Haltung zu ihrer Medienpräsenz. Klatsch- und Tratsch- Geschichten seien keine mehr über sie zu lesen. Die 44-Jährige hat diese Oberflächlichkeit satt. «Ich will nicht als Paradiesvogel, sondern als Persönlichkeit wahrgenommen werden», be- tont sie. Ihr bewusster Schritt in ein bescheideneres Leben hat viel Positives bewirkt. «Ich spüre mich selber wieder viel besser. Ich kann alleine sein und halte es mit mir selber aus. Früher glaubte ich, dass ich mich immer unter die Leute mischen muss, um nicht zu vereinsamen. Heute weiss ich, dass in dieser Ruhe viel Kraft verborgen liegt.» Sie sei froh, dass diese Veränderung stattgefunden habe.

„Ich war perplex“
Nadia Brönimann lässt andere Menschen an ihren Erfahrungen teilhaben. Sie informiert an verschiedenen Schulen, wie sie ihre Geschlechtsanpassung erlebt hat. „Ich tue das sehr gerne. Manchmal versuchen Jugendliche mich zu provozieren. Für mich ist es spannend zu erleben, wie ich sie erreichen kann.“ Trotzdem seien solche Vorträge auch eine Herausforderung. „Ich habe jedes Mal den Ehrgeiz, alles von mir zu geben. Ich betone immer wieder, dass mir alle Fragen gestellt werden können und dass es keine Tabuthemen gebe.“ Bei einem Vortrag vor drei Wochen erlebte die Transsexuelle zum ersten Mal, dass sie nicht allen Wünsche der Schüler und Jugendlichen nachkommen kann. „Eine junge Frau hat mich gebeten, mich auszuziehen und mein Geschlechtsorgan zu zeigen. Ich war für einen Moment perplex. In all den Jahren ist das nie vorgekommen. Natürlich habe ich das nicht gemacht, weil das einen Schritt zu weit gegangen wäre.“ Brönimann gesteht, dass gerade bei Vorträgen die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte nicht immer einfach sei und Kraft koste. „Ich spüre, dass ich dieses Thema manchmal verdrängen möchte. Es ist für mich schwieriger geworden, immer wieder in meine Vergangenheit einzutauchen.“

Schwierige Gedanken und Zweifel
Die Geschlechtsanpassung von Nadia Brönimann ist über 16 Jahre her. Wie lebt sie heute mit ihrem Körper? „Ich stehe fest und sicher im Leben. Doch inzwischen lasse ich die Frage zu, ob die Operation wirklich der einzige richtige Weg war oder ob es auch möglich gewesen wäre, einen Zwischenweg zu leben. Ich stelle mir die Frage, ob eine Frau wirklich nur dann eine Frau ist, wenn sie eine Vagina besitzt.“ Immer mehr Menschen, die sich im falschen Körper geboren fühlten, würden heute einen Zwischenweg wählen. „Durch den kompletten operativen Eingriff strapaziert man seinen Körper enorm. Viele Menschen wollen das ihrem Körper nicht zumuten. Ich stelle fest, dass sie im Endeffekt gar nicht so schlecht dastehen und einen klaren gesundheitlichen Vorteil haben.“ Die Konfrontation mit solchen Gedanken sei für sie keineswegs einfach. Die Frage, „was wäre  wenn“, tauche zwischendurch auf. „Das fordert mich. Manchmal stelle ich meine Geschlechtsanpassung in Frage.“ Brönimann gibt offen zu, dass ihr Körper seinen Tribut gefordert habe. Die starken hormonellen Veränderungen sorgen bei ihr für gesundheitliche Probleme. Was dies genau bedeutet und welches die Folgewirkungen sind, möchte sie für sich behalten.

„Dieses Ideal werde ich nie erreichen“
Ist es denn überhaupt möglich, sich als biologischer Mann wie eine Frau fühlen zu können oder entspricht dies einer grossen Illusion? „Diese Frage kann ich nicht wirklich beantworten, weil ich ja nicht weiss, wie sich biologische Frauen fühlen. Ich habe durch die Anpassung eine Weiblichkeit erreicht, die für mich stimmt. Ich konnte mich aber erst in dem Moment richtig akzeptieren, wo ich realisiert habe, dass ich gar nicht wie eine biologische Frau sein muss. Dieses Ideal, dem ich früher nachgeeifert habe, werde ich nie erreichen“, weiss die Transsexuelle heute.  Sie sei ein Mensch, der eine weibliche Lebensform gewählt habe. „Es ist für mich beruhigend zu wissen, dass diese Lebensform für mich stimmt.“ Genderfragen würde heute immer mehr thematisiert und würden hoffentlich zu einer vertieften Reflexion und mehr Toleranz führen. „Es stellt sich die Frage, ob wir Menschen es zulassen, dass andere Lebensformen gewählt werden und ob wir solche Menschen in ihrem Sein akzeptieren können.“ Diese Haltung finde sie enorm wichtig. Generell sei es ihr ein grosses Anliegen, auf den respektvollen Umgang mit Minderheiten aufmerksam zu machen. „Weil ich selber erfahren habe, wie es ist, ausgegrenzt zu werden, sehe ich eine Chance und Verpflichtung darin, mich für andere Menschen in ähnlichen Situationen zu engagieren. Ich habe dank meinem Weg das nötige Rüstzeug erhalten, um mich für Randgruppen einzusetzen. Ich darf heute selbstbewusst sein und sagen, dass ich für Transgender-Menschen in der Schweiz etwas bewirkt habe.“

Wunsch nach einer Partnerschaft
Nadia Brönimann ist ein Mensch mit Hoffnungen, Träumen und Sehnsüchten, wie wir sie alle kennen. „Ich hoffe, dass meine zweite Lebenshälfte sinnvoll sein wird. Ich möchte mich engagieren und dabei etwas bewirken. Wenn man jung ist, purzelt man einfach durchs Leben. Doch je älter man wird, desto mehr überlegt man sich, welche Werte einem wirklich wichtig sind.“ Schön für sie sei, dass sie nun in den Spiegel schauen  und sich selber annehmen könne. „Ich lache dabei und sage, dass es okay ist, wie es ist.“ Ein grosser Wunsch von ihr sei, eine neue Liebe zu finden: „Ich bin bereit für eine neue Partnerschaft. Ich wünsche mir eine stabile Partnerschaft, in der man sich gegenseitig den Rücken stärkt und füreinander da ist.“ Dies sei in ihrem Alter nicht mehr so einfach wie mit 20, Flirt-Momente seien seltener geworden. „Für mich ist klar, dass die Fähigkeit, Liebe zu geben, essentiell im Leben ist.“

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Kommentare

Eine sehr seltene Kombination von unheilbaren Krankheiten bedingen eine sehr hochdosierte Östrogentherapie bis zum Lebensende (Näheres am Blog).
Ich lebe seit fast 2 Jahren ein weibliches Leben, es ist mir egal was die Leute denken und reden. Da ich auch einen gewissen Anteil Asperger habe, bin ich vom sozialen Umfeld und Beziehungen vollkommen unabhängig. Zeit meines Lebens hat mich niemand gemocht und so war die Umstellung im sozialen Umfeld auch kein Problem. Zur TG-Kommunity gibt es absolut keine Verbindung. Nur das Leben von Nadia Brönimann ist durch die beiden Bücher bekannt.

Im Grunde lebe ich mein (60-jähriges) Leben mit meinen drei Hunden (Kaukasen) und versuche trotz der Krankheiten fit zu bleiben.

Conclusio: Es ist vollkommen egal was Menschen über dich denken – du selber musst mit deinem Leben klar kommen !

lg Tatjana Osthoff
P.S. auch in Facebook

Tatjana Osthoff

Januar 6, 2015