Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Vielleicht brauchen wir eine Lösung vom Himmel“

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Tamim AlanzawiDer syrische Flüchtling Tamim Alanzawi lebt mit seiner Familie in Unteriberg. Der 39-Jährige lebt in ständiger Sorge um seine Verwandten – und ist wütend auf Extremisten.

«Die Ungewissheit belastet mich sehr. Ich wache jede Nacht auf und mache mir Sorgen. Ich habe grosse Angst um meine Familie in Syrien. Ich bin darauf vorbereitet, dass man mir jederzeit telefonisch mitteilt, dass meine Geschwister oder meine Eltern im Krieg getötet worden sind», sagt Tamim Alanzawi. Der 39-jährige Flüchtling lebt mit seiner Frau und den zwei Töchtern in Unteriberg. Seine Eltern, zwei Brüder und zwei Schwestern versucht er so oft wie möglich telefonisch oder via Internet zu kontaktieren. Der studierte Architekt und Bauingenieur weiss, wie sehr seine Landsleute leiden: «Die Situation ist sehr schlimm. Im Moment ist es in Syrien kalt. Es gibt viel zu wenig Öl für die Heizungen und keine Sicherheit. Wenn die Menschen in Syrien ihr Haus verlassen, wissen sie nie, ob sie lebend zurückkommen.» Es sei für ihn schwierig, mit dieser Situation umzugehen.

4 Kinder getötet, Grossmutter verletzt
«Vielen Menschen im Westen ist nicht bewusst, was in Syrien wirklich passiert. Meine Eltern mussten 2014 während drei Monaten im Haus ausharren. Wenn die Region bombardiert wurde, flohen sie in den Keller und verschanzten sich dort tagelang.» Der Nachbarsfamilie, die 15 Meter entfernt lebt, sei Schlimmes widerfahren: Vier Kinder und ein Erwachsener wurden bei einem Angriff getötet, die Grossmutter schwer verletzt. Sie alle waren unschuldige Zivilisten, Opfer eines grausamen Krieges. «Das, was in den westlichen Medien veröffentlicht wird, ist nur ein Bruchteil der ganzen Wahrheit. In Syrien werden jeden Tag rund 50 Menschen hingerichtet. Diese Bilder und Filme kann man in den Medien nicht zeigen. Auch ich will mir das nicht ansehen.»

„Alle wollen an die Macht“
Tamim Alanzawi sagt, dass die jetzige Situation in Syrien und den angrenzenden Ländern von niemanden mehr kontrolliert werden könne. Auch er und seine Familie würden nicht mehr verstehen, was wirklich passiere. «Zu Beginn waren nur zwei Gruppen in diesen Krieg involviert. Inzwischen ist bekannt, dass rund 20 verschiedene Gruppen am Konflikt beteiligt sind. Eigentlich ist das, was in Syrien geschieht, zu einem Weltkrieg zwischen Drittweltländern geworden», so der Syrer. Zwar würden viele noch immer behaupten, sie würden für Freiheit und Demokratie kämpfen. «Doch alle, die jetzt noch involviert sind, wollen an die Macht.» Alanzawi glaubt nicht, dass der Krieg noch mit menschlicher Kraft gelöst wird. «Vielleicht brauchen wir eine Lösung vom Himmel.»

Spricht man den 39-jährigen Syrer auf den Terroranschlag auf «Charlie Hebdo» in Paris an, atmet er tief durch. «Für mich als Muslim ist das sehr schlimm. Wenn ein Muslim solche brutalen Gewaltakte verübt, beeinflusst das alle anderen Muslime auch. Ich weiss nicht, wie diese Menschen auf die verrückte Idee kommen, überall auf der Welt Probleme zu machen. Ich verstehe nicht, warum sie andere Menschen töten. Im Islam wird das nirgendwo gelehrt», betont er. Diese Terroristen würden ihre radikalen Ansichten in die ganze Welt exportieren und dabei grossen Schaden anrichten. «Ich bin ein liberaler Muslim, der andere Menschen und Religionen toleriert. Ich verurteile solche Anschläge zutiefst.»

In Abu Dhabi gearbeitet
Tamim Alanzawi wurde 1998 nach seinem Studium an der Universität in Damaskus ein Job in Abu Dhabi angeboten. Der Syrer nutzte diese Chance und reiste in die Vereinigten Arabischen Emirate. «Ich verdiente dort sehr gut. Der Druck war allerdings enorm. Ich arbeitete sechs Tage die Woche und zwölf  Stunden pro Tag.» 2013 sei sein Arbeitsvertrag abgelaufen, sodass er mit seiner Frau und den Kindern ausreisen musste. In seine Heimat zurückkehren konnte der Architekt wegen des Bürgerkriegs nicht. Die vierköpfige Familie flog darum am 20. Juli 2013 nach Genf, um in der Schweiz Asyl zu beantragen. Mitte August 2013 wurde sie zum Durchgangszentrum Degenbalm in Morschach transferiert.

Seit Januar 2014 lebt die Familie in Unteriberg. Die ältere der zwei Töchter wurde eingeschult, die jüngere besucht den Kindergarten. Dank der F-Bewilligung hat Tamim Alanzawi auch die Möglichkeit, in der Schweiz zu arbeiten. «Es war nicht einfach, Arbeit zu finden», gesteht er. Doch im August 2014 wurden seine Wünsche wahr: Die Hanspeter Kälin & Partner AG in Einsiedeln stellte den 39-Jährigen als Praktikanten ein. Nun will man ihn mit einer Festanstellung befördern und wartet noch auf die Bewilligung des Amts für Arbeit. «Mein grösster Wunsch wäre es, dass der Krieg in Syrien ein Ende hätte und ich meine Familie wieder sehen könnte.»

Humanitäre Krise in Syrien
In der Schweiz leben laut Bundesamt für Migration aktuell insgesamt 9828 Syrer. Diese Zahl teilt sich folgendermassen auf: 3500 Syrer sind vorläufig Aufgenommene, 3500 befinden sich im Asylverfahren, 1460 haben einen Flüchtlingsstatus und 1200 verfügen über ein Schengen-Visum. 168 weitere Syrer wurden im Rahmen eines dreijährigen Pilotprojektes, bei denen be- sonders schutzbedürftige Flüchtlinge unterstützt werden, aufgenommen. «Der Krieg in Syrien hat zu einer schweren humanitären Krise geführt. Seit Ausbruch der Gewalt wurden Berichten zufolge über 200000 Personen getötet. In der Region sind 15,5 Millionen Menschen von Nothilfe abhängig, über 12 Millionen allein in Syrien», schreibt das Bundesamt für Migra- tion auf seiner Website.

 

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