Andrea Schelbert

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Journalistin

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Gefängnis: „Sie drehen beinahe durch“

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Eugen Koller erlebt als Gefängnisseelsorger Gefühle der Ohnmacht und der Abscheu. „Das grösste Geschenk, das ich für die Insassen habe, ist meine Zeit“, sagt der 55-jährige Theologe.

Eugen Koller 2Eugen Koller, hat Gott einen Platz im Leben der Gefängnisinsassen?
Eugen Koller*: Ja, natürlich! Viele Insassen merken, was sie angerichtet haben. Sie fragen sich, welchen Einfluss das auf ihr Leben oder sogar das Leben nach dem Tod haben wird . Ich erlebe sehr viele Insassen, die eine Ahnung vom Göttlichen in sich haben. Ich habe jedoch auch ganz abgebrühte Menschen kennen gelernt, die es eher gelassen nahmen, dass sie im Gefängnis gelandet sind. Das sind aber Einzelfälle.

Sie sagten einmal, dass Sie das Delikt nie von sich aus ansprechen, die meisten Häftlinge jedoch darüber reden wollen. Warum?
Koller: Ich habe nicht zum Ziel, etwas Differenziertes über die Tat zu erfahren. Ich bin für die Insassen da und nehme entgegen, was bei ihnen im Vordergrund steht. Ob der Insasse über seine letzte Schachpartie vor der Straftat oder über seine Horrorvision spricht, wie er zugestochen hat, spielt mir keine Rolle. Es gibt Insassen, bei denen ich bis zum Austritt nicht weiss, welches Delikt sie begangen haben.

Wenn Sie über die Straftat Bescheid wissen: Gehen Sie mit einem Kinderschänder anders als mit einem Einbrecher um?
Koller: Nein, das kommt für mich überhaupt nicht in Frage! Ich begleite aktuell seit über einem Jahr einen Kinderschänder. Er ist für mich ein Mensch wie jeder andere auch. Doch in der Gefängnishierarchie steht er nicht gut da.

Wie spricht es sich herum, wer welche Straftat begangen hat?
Koller: Wenn die Betroffenen nicht über ihre Straftat reden, ist das verdächtig. Es gibt schon Bewertungen, was eher heldenhaft und was verpönt ist. Es gibt Insassen, bei denen ich Abscheu empfinde und die es auch mir sehr schwer machen, auf sie zuzugehen. Ich muss mich dann auch überwinden. Trotzdem sind sie Menschen, und ich muss mir überlegen, warum sie diese Gefühle in mir auslösen.

Wie viele aller Insassen wünschen sich ein Gespräch mit Ihnen?
Koller: Es ist etwa die Hälfte aller Insassen, die ich begleite.

Haben viele Insassen Suizidgedanken?
Koller: Vor allem kurz nach der Straftat ist Suizid manchmal ein Thema. Diese Menschen haben oft den Eindruck, dass sie sich in einer aussichtslosen Situation befinden. Sie glauben, dass sie das Problem lösen könnten, indem sie sterben. Das kommt vor allem bei Menschen in Untersuchungshaft vor. Ihnen wir langsam bewusst, was sie angerichtet haben und was dies bedeutet. Sie sind, sofern keine Einvernahmen stattfinden und kein Besuch bewilligt ist, 23 Stunden am Tag in einer Zelle isoliert. Auch beim täglichen einstündigen Spaziergang im Gefängnis hof sehen sie den Himmel nur durch das Gitter und zwischen Mauern. Das ist hart, sie sind unruhig, können nicht mehr schlafen und drehen beinahe durch.

Wie trösten Sie diese Menschen?
Koller: Ich probiere, mich in ihre Situation zu versetzen und ihnen Verständnis entgegenzubringen. Ich versuche, ihnen Mut zu machen und Hoffnung zu geben. Manchmal sage ich auch nichts und höre ihnen einfach zu. Ich nehme Anteil an ihrer Ohnmacht und Ausweglosigkeit. Hin und wieder kann ich sie dadurch aufmuntern, dass ich ihnen von anderen Häftlingen erzähle, die es auch geschafft haben, wieder einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Ich sage ihnen jeweils, dass wir das gemeinsam schaffen und ich sie begleiten würde. Bei Bedarf können sie auch einen Psychotherapeuten beiziehen.

Gibt es auch Tränen?
Koller: Ja, es gibt sehr viele Tränen. Für die Frauen ist der Umstand, im Gefängnis zu sein und die Straftat akzeptieren zu können, oft schwieriger.

Warum?
Koller: Weil Frauen oft feinfühliger und sensibler sind. Es gibt aber auch ganz viele Männer, die weinen. Ich finde es gut, wenn sie weinen können. Zwar schämen sie sich oft dafür, doch dieser Schmerz, die Ohnmacht und die Trauer dürfen ausgedrückt werden. Wenn das möglich ist, löst sich meistens etwas.

Welche Aufgaben haben Sie als Gefängnisseelsorger?
Koller: Ich bin für die Insassen und das Gefängnispersonal da. In erster Linie be- treue ich aber die Insassen. Sie reden mit mir über den Sinn ihres Lebens, über Gott oder darüber, ob er sie bestraft und ins Gefängnis geführt hat. Auch die Schuldfrage ist immer wieder ein Thema. Sie fragen mich, wie sie damit umgehen könnten, ob ihnen je verziehen werde oder ob sie in die Hölle kämen. Sie stellen sich auch die Frage, wie sie sich den Menschen gegenüber, denen sie Leid angetan haben, verhalten sollten. Jemanden, der tot ist, können sie nicht mehr lebendig machen. Und auch einen Missbrauch oder eine Misshandlung kann nicht rückgängig gemacht werden. Ich bin bereit, mit ihnen über solche Sachen nachzudenken. Ich habe zwar keine Antworten und Rezepte, doch ich verfüge über Lebenserfahrung, eine Ausbildung, und ich tausche mich mit ihnen aus. Das wird geschätzt. Das grösste Geschenk, das ich für sie habe, ist meine Zeit.

Wie gehen Sie damit um, dass all dieses Leid bei Ihnen deponiert wird?
Koller: Das ist meine Aufgabe. Ich bekomme Kraft, dass ich das entgegennehmen kann. Das Gefühl der Ohnmacht ist auch für mich manchmal hart, weil ich nicht direkt helfen kann. Das auszuhalten, braucht sehr viel Kraft. Ich verlasse das Gefängnis manchmal mit den Gedanken: Mein Gott, was ist das für eine Welt? Die Batterien sind manchmal nach so einem Nachmittag im Gefängnis schon ziemlich leer. Wir lachen aber auch viel im Gefängnis.

Was ist das Schrägste, das Sie im Gefängnis erlebt haben?
Koller: Ich bin einem Mann begegnet, der völlig witzig, locker und freundlich war. Kurz nach seiner Entlassung hat er seine Frau getötet.

*Eugen Koller ist als Gefängnisseelsorger im Sicherheitsstützpunkt Biberbrugg SZ und als Pfarreiblattredaktor tätig. Seit dem 1. März arbeitet er zudem als Psychiatrieseelsorger im Sanatorium Kilchberg ZH.

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