Andrea Schelbert

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Journalistin

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„Dann verliert der Tod seinen Schrecken“

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Claudia KühnSerie Begegnungen: Claudia Kühn, 39, Pflegefachfrau für Intensivmedizin, Küssnacht

„Dank meiner Arbeit weiss ich, wie vergänglich das Leben ist. Alles kann sich von einer Sekunde auf die andere ändern. Es ist mir darum wichtig, im Hier und Jetzt zu leben, statt Pläne für die Zukunft zu schmieden“, sagt Claudia Kühn. Die 39-jährige Pflegefachfrau für Intensivmedizin leitet die Intensivbehandlungsstation im Spital Schwyz. 6 Betten, davon zwei Beatmungsplätze, stehen in Schwyz zur Verfügung, 25 Personen, darunter 2 Ärzte, kümmern sich um die schwer kranken Patienten. „Die Intensivstation im Spital Schwyz ist klein. Dies hat den Vorteil, dass ich mich nebst der Führung auch um die Pflege der Patienten kümmern kann. Ich empfinde das als sehr positiv, weil ich so an der Front bin und weiss, wovon die Mitarbeitenden reden“, sagt die gebürtige Deutsche. Sie legt viel Wert darauf, faire Einsatzpläne zu schreiben, sodass die Bedürfnisse des Personals berücksichtigt werden können.

Wichtig: Ein gutes Klima am Arbeitsplatz
„Der Pflegeberuf ist eigentlich ein undankbarer Beruf, weil man die Familie an zweiter Stelle positionieren muss. Umso wichtiger ist ein gutes Klima am Arbeitslatz“, weiss die Mutter eines Sohnes.Das fehlende Fachpersonal macht ihr Sorgen. „Die Vorgaben des Schweizerischen Intensivverbandes sind sehr streng. Alle Schweitzer Spitäler kämpfen damit, diese Kriterien zu erfüllen. Wir werden in Zukunft grössere Probleme haben. Denn obwohl das Spital Schwyz den Arbeitnehmern entgegen kommt, können wir die freien Stellen trotzdem nicht mit Schweizer Fachpersonal besetzen.“

Claudia Kühn ist in Dresden aufgewachsen. Schon während ihrer Ausbildung als Pflegefachfrau war für sie klar, dass sie sich später in der Intensivmedizin weiterbilden würde. „Auf der Intensivstation arbeitet man sehr eng mit den Patienten. Keine Diagnose ist gleich wie eine andere, weil jeder Körper anders auf Medikamente und Behandlung reagiert. Das macht meine Arbeit sehr spannend und abwechslungsreich“, erklärt sie. Die 39-Jährige liebt Herausforderungen und schätzt es, dass ihre Tätigkeit sinnvoll ist. „Mein Beruf erfüllt mich und hat meine Einstellung zum Leben verändert. Weil ich oft erlebe, wie schnell das Leben vorbei sein kann, habe ich meine Werte anders definiert. Ich bin auch privat glücklich und zufrieden.“

„Traurige Erlebnisse“
Kühn weiss, dass viele Menschen schlimme Schicksale erfahren und lange Leidenswege vor sich haben. „Das sind traurige Erlebnisse. Ich würde mir mehr Ehrlichkeit von den Ärzten wünschen, weil ich mir vorstelle, wie es für mich wäre, Patientin zu sein. Wenn es nicht mehr viel Hoffnung gibt, müsste man sich überlegen, wie man die Schmerzen reduzieren kann, statt noch Vieles auszuprobieren“, sagt die 39-Jährige. Dies sei in Schwyz weniger ein Thema, im Gesundheitswesen aber aktueller denn je.

„Berührende Momente“
Die Pflegefachfrau für Intensivmedizin erlebt am Arbeitsplatz auch wunderbare Situationen: „Das Schönste für mich ist, wenn ein Patient, der von der Intensivstation zur Abteilung verlegt wurde, kurz vor seinem Austritt zu uns kommt und sich bedankt. Er ist dann angezogen und sieht natürlich ganz anders als zuvor im Spitalbett auf der Intensivstation aus. Das sind berührende Momente und Erfolgserlebnisse.“

„Sterbende begleiten“
Wer auf einer Intensivstation tätig ist, wird sich auch mit dem Sterben und Tod auseinander setzen müssen. „Dass Patienten sterben, gehört zu unserem Beruf. Wenn ich damit nicht umgehen könnte, wäre ich hier sicher am falschen Platz“, sagt Claudia Kühn. Wenn ein Patient im Sterben liegt, werden seine Angehörigen vom Arzt informiert. „Es ist erwünscht, dass sie den Sterbenden begleiten. Nicht alle Menschen können das, weil sie Angst vor dem Tod haben und nicht wissen, was sie erwarten wird. Es ist nicht einfach, einen lieben Menschen loszulassen und ihm zu sagen, dass er gehen darf.“ Oft würden die Patienten spüren, wenn ihre Familie nicht bereit sei, sie gehen zu lassen. „Solange das so ist, dauert der Sterbeprozess meistens länger. Natürlich ist diese Situation sehr anspruchsvoll und schwierig für die Angehörigen. Umgekehrt ist es für uns eine grosse Herausforderung, mit den Angehörigen umzugehen“, so Kühn.

Sie versucht dann, im Spitalzimmer eine vertrauensvolle und schöne Atmosphäre zu schaffen. „Der Tod eines Patienten berührt mich jedes Mal, weil diese Situation auch zeigt, wie hilflos man dann ist. Man kann im Leben vorsichtig sein und gesund leben, doch trotzdem kommen wir alle an den Punkt, wo wir sterben müssen.“ Kühn findet es sinnvoll, sich mit dem Sterben auseinanderzusetzen, um später vorbereitet zu sein „Wer rechtzeitig eine Patientenverfügung ausfüllt, erspart seinen Angehörigen schwierige Situationen. Denn wenn es soweit ist, sind viele Angehörigen überfordert. Dann will niemand die Verantwortung übernehmen.“

Claudia Kühn selber hat keine Angst mehr vor dem Tod. „Wenn man in der Gegenwart lebt und nichts aufschiebt, verliert der Tod seinen Schrecken. Ich hoffe, dass ich bei meinem Tod keine Schmerzen haben und nicht allein sein werde. Wann meine Zeit abgelaufen ist, wird der liebe Gott entscheiden.“

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