Andrea Schelbert

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Journalistin

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Abschied von einem beeindruckenden Mann

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Daniel HadornIch bin traurig, dass der gehörlose Anwalt Daniel Hadorn diese Woche gestorben ist. Er ist ein wunderbarer, charismatischer Mann, der sich unermüdlich für andere Menschen eingesetzt hat. An dieser Stelle veröffentliche ich den letzten Text, den ich über ihn geschrieben habe.

Daniel Hadorn ist ein Kämpfer. Seine Geschichte zeigt eindrücklich, wozu Menschen trotz Schicksal und Rückschlägen im Leben fähig sind. Im Alter von 5 Jahren erkrankte der gebürtige Berner an einer Hirnhautentzündung und verlor dadurch sein Gehör. Weil er nicht von Geburt an gehörlos war, konnte er seine Sprache behalten und die Regelschule besuchen. Sein Handicap hinderte ihn auch nicht daran, zu studieren. Ohne jegliche fremde Unterstützung hatte er sich den Studiumsstoff daheim in Zollikofen selbst beigebracht. “Eigentlich war ich an der Uni in Bern eingeschrieben. In Wirklichkeit bin ich aber nur zu den Zwischenprüfungen und zum Staatsexamen an die Uni gegangen“, erklärt der 53-Jährige. Die Vorlesesäle seien zu riesig und die Distanz zu den Dozenten sei zu gross gewesen, als dass er hätte von ihren Lippen ablesen können.

„Eine Katastrophe“
Heute ist Daniel Hadorn der einzige gehörlose Schweizer Rechtsanwalt, der gehörlose Menschen vertritt. 6 Jahre lang war der Berner für den Schweizerischen Gehörlosenbund SGB-FSS tätig, 2013 wagte er den Schritt in die Selbständigkeit. „80 Prozent meiner Fälle sind Probleme mit der IV. Die Schikane vieler Beamten finde ich eine Katastrophe. Sie haben keine Ahnung, was es bedeutet, gehörlos zu sein“, sagt der Anwalt. Hadorn, der mit seiner schwerhörigen Frau Regula seit 1999 in Brunnen lebt, betont, dass der Kanton Schwyz davon nicht betroffen sei. In vielen anderen Kantonen aber würde man gehörlosen Menschen nicht ernst nehmen und ihnen viele Steine in den Weg legen. Im Schweizer Gesetz sei verankert, dass Gehörlose im Beruf und bei Weiterbildungen die Dienstleistungen Dritter, wie beispielsweise Dolmetscher, die in Gebärdensprache übersetzen, beantragen könnten. In der Realität aber würden solche Anfragen von der IV immer wieder und teilweise sogar ohne Begründung abgelehnt. „Die Beamten begreifen nicht, dass Gehörlose für Besprechungen mit ihren Chefs einen Dolmetscher brauchen. Ich hatte Fälle, bei denen die IV so lange untätig war, bis dem Gehörlosen gekündigt wurde. Solche Situationen lösen bei mir Gefühle der Ohnmacht aus.“ Der Druck der Politik sei heute gross. „Viele Beatmen geben sich nicht einmal die Mühe, an die Front zu gehen um die Situation der gehörlosen Menschen zu verstehen. Sie sind Bürokraten und entscheiden vom Bürotisch aus, dass Unterstützung zu teuer ist.“ Vor allem in den Chefetagen fehle das Verständnis für gehörlose Menschen weitgehend.

„Tote Buchstaben“
8000 bis 10‘000 gehörlose Menschen leben in der Schweiz. „Eigentlich hätten sie genügend Rechte, wenn man die Gesetze auch einhalten würde. Es gibt Artikel im Gleichstellungsgesetz, die in Wahrheit tote Buchstaben sind“, kritisiert der Rechtsanwalt aus Brunnen. Gesetzlich sei verankert, dass gehörlose Kinder gegenüber den Kantonen einen Anspruch darauf haben, eine der Behinderung angemessene Kommunikationsform zu erlernen. „Gehörlose Kinder bekommen aber oft nicht die nötige Unterstützung um dem Unterricht folgen zu können“, weiss Hadorn. Er berichtet von einem Fall, bei dem ein Kanton einem gehörlosen Kind im Kindergarten nur für 3 von 17 Lektionen pro Woche einen Dolmetscher bewilligt hatte. „Das bedeutet, dass das Kind Dreiviertel des gesamten Unterrichts verpasst, weil es die Lehrerin und Kinder nicht verstehen kann. Das geht doch einfach nicht!“ Die Beamten hätten verlangt, dass das Kind lernen müsse, von den Lippen abzulesen. „Das ist bescheuert und zeigt, dass sie keine Ahnung von der ganzen Sache haben. Menschen, die von Geburt an gehörlos sind, haben keinen Zugang zu Sprachen. Sie haben Mühe, die Bedeutung gesprochener Wörter zu erfassen, weil man ihnen ja nichts in ihre Muttersprache, der Gebärdensprache, übersetzen kann“, sagt der 53-Jährige. Darum könnten viele gehörlose Menschen keinen Satz Deutsch fehlerfrei schreiben und verfügten über einen eingeschränkten Wortschatz. Denn wer keine Sprache beherrscht, kann auch kein Wissen aufnehmen.

„Furchtbar“
Daniel Hadorn erklärt, dass es in den meisten seiner Gerichtsfälle um Geld geht. „Viele IV-Stellen wollen nicht diskutieren und gehen auf unsere Argumente gar nicht ein. Ein grosses Problem sind psychiatrische Begutachtungen. Die IV sagt, dass sie Psychiater hätten. Dass diese aber die Gehörlosigkeit nicht wirklich kennen und oft einen Quatsch schreiben, interessiert sie nicht. Das finde ich furchtbar.“ Da sich gehörlose Menschen nicht wehren können, tritt Hadorn für sie ein. „Die Gewinnquote bei den Gerichtsfällen ist sehr hoch. Das motiviert mich, weil ich sehe, dass ich mit meiner Arbeit etwas bewirken kann.“ Der 53-Jährige würde sich wünschen, dass die Lücken des Behinderten-Gleichstellungsgesetzes, welche mit der UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen geschlossen werden können, endlich beseitigt würden.  „Die UNO-Konvention existiert seit 2006. Die Schweiz aber hat diese Konvention 2014 als zweitletztes Land in Europa zertifiziert. Das finde ich beschämend.“ Der Anwalt fordert von Beamten und Behörden mehr Respekt gegenüber Menschen mit einer Behinderung. „Sie sollen ein Praktikum in einem Behindertenbetrieb oder einer Behindertenschule machen, damit sie endlich verstehen, was es bedeutet, gehörlos zu sein.“

Daniel Hadorn kann sich nicht mehr für andere Menschen einsetzen, weil er schwer erkrankt ist.

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Kommentare

Da ich richtig tief Schockiert und sehr Traurig er ist ein Gute Mensch und hilf an Gehorlosen und kampfen zur IV.. Wir brauchen ihm …. ohne ihm wir verlust.. weil er gute Herz und gute Vorbild fur uns .. Da mochte ich ganz Familie Herzlich Beleid.. :'(

Kayikci Birol

Oktober 12, 2014

Er war ein grosses Vorbild für mich.
Er war mir wie ein richtiger Bruder.
Wir vermissen ihn

Catherine

Oktober 12, 2014

Tut mir es uns leid..herzlich beleid. Er war gukter starke Charakter bewusst und bekämpft polititische IV. Er ist nie aufgeben durchalten weiter bis Erfolg. Unglaublich Daniel Hadorn ist guter Mensch..liebelte sehr gut mit Schach und es wäre schöne Erinnerung.

Herzlich Beleid..traurig für mich. Ich wünsche deine kraft Familie und deine Frau. Nochmals herzlich Beleid. frieden.. Amen

Erinnerung. Er liebt auch sowieso Chor mit gebärdensprache singen. Ich staune…er macht alles super mitmachen. ich bin stolz auf

ueberegger

Oktober 13, 2014

Wir sind betroffen und traurig.daniel war immer Humor Mensch.wir werden ihn niemals vergessen und werden uns am ganzen Herzen von ihm behalten.

Izabel Volmar

Oktober 13, 2014

Wir sind erschüttert und traurig. Als wir junge Erwachsene waren, waren wir viele Jahre eng befreundet mit Daniel. Ich und mein Mann müssen noch einen Weg finden, um Abschied nehmen zu können. Ob es einen Ort gibt, wo man hingehen kann? Ein Grab?

Ursula Stöckli

Oktober 17, 2014

Zuerst Beileid. Ja eine Überraschung, als ich vom Tod von Daniel Hadorn las.

Ich verstehe nicht, warum Daniel Hadorn für die Gerechtigkeit im schweizerischen Gehörlosenwesen sterben musste, wie Markus Huser, der auch für die Gerechtigkeit vor Jahren starb.

Ich kenne wohl: viel Ungerechtigkeit bei der IV, Erbschaft, Pension, Versicherung, Arbeit u.a. Die Mehrheit der Behörden ignorieren die gerechte Gebärdensprach-Übersetzung, die gegen Missverständnisse retten würde. Viele Beamten bemühen sich, die Sprache der Gehörlosen zu verstehen. Doch sie missverstehen und argumentieren aus Bequemlichkeit oft im Gegenteil.

Darüber wissen Gehörlose wie Daniel Hadorn. Ja, er ist der erste gehörlose Anwalt, der für die Gerechtigkeit und Gleichstellung nach Recht und Pflicht im Gesetz kämpft. Er half mir wegen IV/AHV und Erbschaft sehr. Es ist nur ein Bruchteil.

Ja wir vermissen Daniel Hadorn sehr. Wir sind traurig.

Lieber G-tt, der den Tod von Daniel Hadorn bestimmte. Warum musste er so früh sterben? Ich glaube, es war für Daniel Hadorn zu viel für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Ich hätte auch Herzinfarkt, wenn ich um Gerechtigkeit weiter kämpfen würde. Danke G-tt. Amen

Gruss aus Israel
Hubert Brumm

Hubert Brumm

Oktober 21, 2014

Ich war fast 40 Jahre Lehrerin an der Gehör-losenschule Zürich und habe Daniel & Regula persönlich gekannt. Daniels‘ Tod macht mich tief betroffen, hat er doch so manchen Gehörlosen zu neuem Lebenssinn und Ziel verholfen. Nun ist sein eigenes Leben so plötzlich beendet. Was heisst das für uns, die wir zurück bleiben? Was heisst es für seine Frau Regula? Wie können wir diese Lücke schliessen? Darüber nachzudenken, fühle ich mich aufgerufen.

Kathrin Eijsink

November 2, 2014

Er war ein grosses Vorbild für mich.
Er war mir wie ein richtiger Bruder.
Wir vermissen ihn
Wir sind Sehr betroffen und traurig. Daniel war immer Humor Mensch. Wir werden ihn niemals vergessen und werden uns am ganzen Herzen von ihm behalten.
Ich verstehe nicht, warum Daniel Hadorn für die Gerechtigkeit im schweizerischen Gehörlosenwesen sterben musste, wie Markus Huser, der auch für die Gerechtigkeit vor Jahren starb.
habe Daniel & Regula persönlich gekannt. Daniels’ Tod macht mich sehr tief betroffen, hat er doch so manchen Gehörlosen zu neuem Lebenssinn und Ziel verholfen. Nun ist sein eigenes Leben so plötzlich beendet. Was heisst das für uns, die wir zurück bleiben? Was heisst es für seine Frau Regula? Wie können wir diese Lücke schliessen? Darüber nachzudenken, fühle ich mich aufgerufen.
Ich habe Kerze für Daniel und andere Kerze für Regula da.
Brigitte, Rene und Melissa Bürgi

Brigitte Bürgi

November 13, 2014

Ruhe in Frieden, Dänu, habe erst gestern von deinem Tod erfahren. Ich war stets beeindruckt vom deiner ruhigen Art und bewunderte stets deine grossen Fähigkeiten beim Lippen lesen, was eine sehr hohe Konzentration bedingt. Leider ist eure Behinderung nicht sichtbar und wird daher stets unterschätzt. Diskriminierung ist leider alltäglich.
Karin, eine Kollegin aus früheren Jahren

Karin Bryner

Januar 2, 2015

Ich habe nicht gewusste dass Daniel Hadorn war gestroben ? Wann? Ich bin traurig.

Letchimi Komaran

März 29, 2015